[Hoher Vogelsberg] Ein winziger Waldpilz wächst auf dem verwitterten Holz eines Picknicktisches im Oberwald - ein unscheinbarer, aber eindrucksvoller Hinweis darauf, wie aktiv der Wald gerade arbeitet. Die feuchte Witterung der vergangenen Tage hat das Moos auf dem alten Holz sattgrün werden lassen. Dazwischen wächst der kleine Pilz, kaum größer als ein Streichholz. Er steht dort wie ein stiller Zeuge des natürlichen Kreislaufs.
Im Herbst laufen diese Prozesse auf Hochtouren. Die Kombination aus Feuchtigkeit, moderaten Temperaturen und fallendem Laub schafft ideale Bedingungen für Myzelien, das fadenförmige Wurzelsystem der Pilze. Für Spaziergänger bleibt das unsichtbar – bis ein Motiv wie dieses ins Auge fällt.
Wie der Wald sich selbst zurückholt, wie er Mikrohabitate formt, zeigt, dass der Herbst nicht nur eine Jahreszeit des Vergehens ist, sondern auch des Wachsens.
Was allerdings in dem heftig gemarterten Bereich dieses Waldstück gleich nebenan wird, ist fraglich. Diese Art Waldpflege - Entfernen von Bruchholz, Freiräumen von Wegen, Sammeln von Kronenmaterial nach Windwurf oder Durchforstung - dient wohl dazu, den Bestand zu stabilisieren, die Verkehrssicherheit herzustellen oder Flächen für die nächste Pflege freizumachen.
Grober Eingriff in die Waldentwicklung (c) HESSENMAGAZIN.de
Zum Thema "nachhaltige Bewirtschaftung" werden viele Maßnahme als notwendig dargestellt – und in einigen Fällen sind sie das auch. Doch gerade in intensiv genutzten Wäldern zeigt sich, dass „Pflege“ nicht immer gleichbedeutend mit ökologischer Verbesserung ist. Das Zusammenziehen von Ästen, das Freiräumen von Flächen oder das Entfernen von Kronenmaterial kann zwar der Arbeitssicherheit dienen, gleichzeitig aber Mikrohabitate zerstören, die für Insekten, Pilze und Kleintiere wichtig sind.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Eingriffsintensität. Wo regelmäßig Maschinen fahren, verdichtet sich der Boden, was die Wasseraufnahme verschlechtert und die Regeneration junger Bäume erschwert. Auch das Entfernen von Totholz – oft mit dem Argument der Ordnung oder Verkehrssicherheit – steht im Widerspruch zu naturschutzfachlichen Erkenntnissen: Gerade Totholz ist ein zentraler Baustein für Artenvielfalt und Waldstabilität.
Eine neue Schneise ist hier mittendrin entstanden mit freiem Schussfeld für den Jäger (c) HESSENMAGAZIN.de
Hinzu kommt die Wahrnehmung der Besucher. Für viele wirkt Waldpflege wie „Aufräumen“, manchmal sogar wie eine Störung des Naturraums. Tatsächlich ist sie Teil der forstlichen Nutzung – und damit auch Ausdruck wirtschaftlicher Interessen. Die Frage, wie viel Eingriff ein Wald verträgt, ohne seine ökologische Funktion zu verlieren, bleibt ein Dauerthema.
Kritisch betrachtet zeigt Waldpflege also ein Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Ökologie, zwischen Nutzung und Schutz, zwischen forstlicher Routine und dem Anspruch, Wälder widerstandsfähiger gegen Klimastress zu machen. Entscheidend ist, wie maßvoll und naturnah die Maßnahmen umgesetzt werden.
Wir werden uns die Entwicklung an dieser Stelle weiterhin anschauen :-)
Quelle: Brigitta Möllermann, HESSENMAGAZIN.de



















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