Die Neandertaler jagten riesige Waldelefanten

Dienstag, den 17. März 2026 um 06:20 Uhr Gut zu wissen - Umwelt
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Vor rund 120.000 Jahren waren Waldelefanten in Europa verbreitet (c) Hodari Nundu, CC-BY-4.0Ein internationales Forschungsteam hat durch die Analyse prähistorischer Zähne (Isotopen und Proteine) kürzlich neue Erkenntnisse über die Lebensweise europäischer Waldelefanten und deren Beziehung zu Neandertalern vor 125.000 Jahren gewonnen. Die bis zu vier Meter hohen Elefanten waren extrem mobil. Insbesondere die Bullen legten Distanzen von ca. 300 Kilometern zurück, bevor sie im heutigen Sachsen-Anhalt (Fundstelle Neumark-Nord) ankamen.

Funde belegen, dass Neandertaler die Ressourcen der Seenlandschaft über 2.500 Jahre hinweg intensiv nutzten. Sie verarbeiteten dort Fleisch und Fett, sammelten Pflanzen und veränderten die Landschaft vermutlich sogar durch gezieltes Feuer, um den Lebensraum für Beutetiere (und sich selbst) attraktiver zu machen.

Das Gebiet im Geiseltal ist eine der weltweit bedeutendsten Fundstellen für das Pleistozän (Eiszeitalter). Vor 125.000 Jahren (letzte Warmzeit) war dies ein reiches Ökosystem mit mehreren Seen, das eine enorme Vielfalt an Flora und Fauna anzog. Die Erhaltungschancen waren dort durch die feuchten, sedimentreichen Bedingungen außergewöhnlich gut.

Es wurden Überreste von über 70 Waldelefanten während des Braunkohletagebaus entdeckt. Die Häufung an einem Ort und die Zerlegungsspuren an den Knochen belegen, dass Neandertaler dort über einen langen Zeitraum gezielt jagten. Sie waren also keine "Nomaden am Rande des Verhungerns".

Neumark-Nord ist kein Ort des "bloßen Überlebens", sondern ein Zeugnis für eine hochgradig organisierte und ökologisch wirksame Kultur der Neandertaler. Die gezielte Erlegung mittels einer organisierten Jagd deutet darauf hin, dass Neandertaler nicht nur Gelegenheitsjäger waren. Sie agierten in großen sozialen Gruppen, planten strategisch und verfügten über gute Landschaftskenntnisse.

Wie alles durch analytische Paläontologie entschlüsselt wurde

Das Forschungsteam hat die Lebensgeschichte der Ur-Elefanten wie ein Puzzle zusammengesetzt. Dabei nutzten sie den Zahnschmelz als „Bio-Archiv“, da dieser Informationen über Jahre hinweg speichert – ähnlich wie die Jahresringe eines Baumes - und zwar aus der Nahrung und dem Wasser. Da zudem jede Region eine eigene chemische "Signatur" hat, lässt sich genau sagen, wohin das Tier gewandert ist.

Da uralte Fund-Knochen oft kaputt oder unvollständig sind, untersuchten die Forscher kleinste Eiweiß-Reste (Proteine) im Zahnschmelz mit dem Ergebnis, dass man sogar das Geschlecht und das Alter der Tiere zum ersten Mal sicher bestimmen konnte. Was mit normalen Skelettfunden fast unmöglich gewesen wäre.

Wie die Verbindung zwischen den Elefanten und den Neandertalern hergestellt wurde

An den Elefantenknochen hat man bei einer Studie im Jahr 2023 mikroskopisch kleine Schnittspuren von Feuersteinwerkzeugen gefunden. Sie sitzen genau dort, wo man Fleisch, Sehnen oder die fettreichen Fußpolster vom Knochen ablösen würde. Die Neandertaler hatten wohl ein festes System, wie sie diese Giganten zerlegten.

Die meisten Beutetiere waren erwachsene, männliche Bullen, die scheinbar gezielt ausgesucht wurden. Sie waren als umherstreifende Einzelgänger sicherer in eine Falle (z. B. ein Schlammloch) zu locken, als eine ganze Herde wehrhafter Tiermütter.

Da ein einzelner Waldelefant bis zu 13 Tonnen schwer sein konnte, lieferte er gigantische Mengen an Fleisch – genug, um Hunderte von Menschen satt zu machen. Da Fleisch damals ohne Kühlung schnell verdarb, lässt das zwei Schlüsse zu: Entweder konnten Neandertaler Fleisch bereits haltbar machen (z. B. räuchern), oder sie kamen in viel größeren Gruppen zusammen, als wir früher dachten, um gemeinsam zu essen.

So hat sich auch unser Bild der Neandertaler verändert. Wahrscheinlich lebten sie nicht wie früher vermutet in kleinen Familienclans von 10 bis 15 Personen. Denn ihre Elefantenjagd beweist, dass sie deren Wanderwege kennen mussten und "entlarvt" sie als kluge, strategische Großwildjäger.

Quelle: Presse Goethe-Universitaet www.uni-frankfurt.de