NABU, WWF, BUND, Deutscher Tierschutzbund und GzSdW fordern von regulärer Wolfsjagd abzusehen
[Deutschland] Mit dem Start der Jagdzeit am 1. Juli 2026 auf den Wolf könnte laut geändertem Bundesjagdgesetz (BJagdG) in Deutschland erstmals unter gewissen Voraussetzungen die reguläre Bejagung der Art beginnen. Die Verbände begrüßen, dass viele Bundesländer von dieser Möglichkeit vorerst keinen Gebrauch machen bzw. die notwendigen Managementpläne nicht überstürzt bis Anfang Juli fertigstellen. Gemeinsam appellieren die Verbände an die Länder, bei der Ausgestaltung nun wissenschaftliche Erkenntnisse und wirksame Herdenschutzmaßnahmen in den Mittelpunkt zu stellen.
Die Verbände haben schon im Gesetzgebungsprozess des letzten Halbjahrs gewarnt, dass die Jagd auf Wölfe die bestehenden Konflikte zwischen Wölfen und Weidetierhaltung nicht lösen wird. Vielmehr droht aus ihrer Sicht sogar eine Verschärfung der Situation, wenn Herdenschutz vernachlässigt und Rudelstrukturen gestört werden.
Werden Elterntiere oder erfahrene Tiere getötet, besteht das Risiko, dass Rudel zerfallen und jagd-unerfahrene oder neu zuwandernde Wölfe erst recht Weidetiere angreifen. Der Abschuss von Elterntieren oder jedes Jahr 40 % der Welpen schafft darüber hinaus auch erhebliche Tierschutzprobleme.
Aktuell fehlt es an einer bundesweiten, evidenzbasierten Koordination möglicher Entnahmen, klaren Obergrenzen und einem ausreichenden Monitoring, um die Folgen einer Bejagung verlässlich zu bewerten. Dies sei auch eine Verantwortung des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH), so die Verbände. Ansonsten besteht nicht nur für den Wolfsbestand eine Gefahr, sondern es werden zudem juristische Unsicherheiten provoziert.
An die Länder appellieren die Verbände, ihre derzeit zu erstellenden Managementpläne nicht eins zu eins auf das BJagdG zu münzen, da dieses an zentralen Stellen möglicherweise gegen EU-Recht verstößt. Vor allem die Bejagung im ungünstigen Erhaltungszustand ohne Prüfung milderer Mittel wie Herdenschutz oder die Ausweisung von Weidegebieten in wolfsfreien Zonen wird kritisch gesehen.
Die Bundesländer erarbeiten momentan ihre Managementpläne, die aber vollkommen unterschiedlich und nach aktuellem Stand nicht geeignet sind, den günstigen Erhaltungszustand trotz Jagd zu bewahren – wie es EU-Recht als auch BJagdG vorschreiben. Hier sollte Sorgfalt vor Eile gehen, die Managementpläne enthalten etliche juristische und praktische Unklarheiten.
Auch die Bestrebungen einiger Länder, Herdenschutzstandards auf das absolute Minimum der Hütesicherheit zu reduzieren, sehen die Verbände kritisch. Ein solches Vorgehen ignoriere die erfolgreiche Entwicklung effizienter Herdenschutzsysteme der letzten Jahrzehnte, vor allem aber auch die Arbeit derjenigen Weidetierhaltenden, die diese Entwicklung maßgeblich vorangetrieben haben.
Sollten Bund und Länder die empfohlenen Herdenschutzstandards absenken, nehmen sie vermeidbares Tierleid billigend in Kauf, was auch nicht im Interesse der Weidetierhaltung wäre.
Vielmehr sollten die Länder die Weidetierhaltung durch gezielte Förderung wirksamer Herdenschutzmaßnahmen, Vor-Ort-Beratung und schlanke Antragsverfahren unterstützen. Zentrale Bedeutung hat zudem die kontinuierliche bundesweite Evaluierung der Maßnahmen – nicht erst in fünf Jahren, wie es das BJagdG vorsieht.
Marie Neuwald, Senior-Referentin Wölfe und Beweidung, NABU Bundesverband: „Dass nun Länder wie Hessen, wo es gerade einmal drei Wolfs-Territorien gibt, nun möglichst schnell die Rahmenbedingungen für die Jagd – auch abseits von Rissen – schaffen wollen, ist grotesk. Jagd ist kein Selbstzweck. Durch den Abschuss besonders von Wolfswelpen wird kein Weidetier sicherer sein, vor allem, wenn der Herdenschutz runtergefahren wird. Die reguläre Jagd auf Wölfe wird keine Lösung für die Konflikte mit der Weidetierhaltung bringen."
Sybille Klenzendorf, Senior Wildlife Conservation Expert beim WWF: „Der Start der Jagdzeit auf den Wolf erfolgt ohne transparente Bewertung seines Erhaltungszustands und ignoriert klare wissenschaftliche Warnungen: Schon bei über 20 % jährlicher Mortalität von adulten Tieren steigt das Risiko für die Population deutlich, bei etwa 30 % droht ein rapider Rückgang. Ohne nationale Koordination besteht die große Gefahr, dass zu viele Tiere entnommen werden und die Naturschutzerfolge der letzten 20 Jahre aufs Spiel gesetzt werden."
Thomas Norgall, Sprecher der AG Wolf und Weidetiere des BUND: „Mit der Einführung der Bejagung muss auch ihre Auswirkungen auf den Wolfsbestand ermittelt werden. Doch statt der notwenigen Intensivierung des Monitorings wird in den meisten Bundesländern gerade (über weniger Monitoring und) die tägliche Arbeit durch Änderungen in der Behördenzuständigkeit gelähmt.“
James Brückner, Teamleitung Wildtiere, Deutscher Tierschutzbund: „Der Abschuss von Wölfen suggeriert eine vermeintlich einfache Lösung. Doch die Bejagung verfehlt nicht nur ihr eigentliches Ziel, den Schutz von Weidetieren, sondern schafft zusätzlich noch ierschutzprobleme durch den Abschuss von Elterntieren, deren Welpen elend verhungern werden. Die zudem geplante intensive Verfolgung und Tötung von wenigen Monate alten Jungwölfen ist weder waidgerecht noch mit dem Tierschutz vereinbar."
Jörg Zidorn, zweiter Vorsitzender, Gesellschaft zum Schutz der Wölfe: „Die reguläre Jagd auf Wölfe ohne ein bundeseinheitliches professionelles Monitoring wird keine Lösung für die Konflikte mit der Weidetierhaltung bringen. Entscheidend ist, dass wir in wirksamen Herdenschutz investieren und Weidetierhaltende besser unterstützen. Eine Bejagung, die Rudelstrukturen destabilisieren kann, droht dagegen im Gegenteil neue Probleme zu schaffen. Akzeptanz und Rechtssicherheit wird dadurch nicht erreicht“.
Die Verbände betonen, dass die gezielte Entnahme einzelner Wölfe, die Herdenschutz überwinden, bereits vor der Aufnahme des Wolfes in das Bundesjagdgesetz möglich war. Eine anlasslose, reguläre Bejagung lehnen sie hingegen entschieden ab.
Der Wolf hat sich in Teilen Deutschland zwar wieder ausgebreitet, ein dauerhaft günstiger Erhaltungszustand ist nach Einschätzung der Verbände jedoch in vielen Regionen noch nicht gesichert, wie allein ein Blick auf die Verteilung der Wölfe in Deutschland deutlich macht.
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Quelle: NABU-Pressemitteilung 30.06.2026
Kommentar von HESSENMAGAZIN.de
Der neue Wolfs-Managementplan der Landesregierung markiert einen politischen Kurswechsel ab 1. Juli 2026: Statt den Herdenschutz konsequent auszubauen, setzt Hessen auf erleichterte Abschüsse und die Möglichkeit, ganze Regionen zu „wolfsfreien Zonen“ zu erklären. Das mag kurzfristig beruhigend wirken, löst aber kein einziges strukturelles Problem. Denn Wölfe halten sich nicht an Verwaltungsgrenzen, und unser Bestand von nur drei Rudeln ist weit davon entfernt, stabil zu sein.
Der Plan suggeriert mehr Sicherheit für Weidetierhalter, bietet aber keine strukturelle Verbesserung. Ohne konsequenten Herdenschutz bleiben Abschüsse wirkungslos, weil Wölfe jederzeit wieder einwandern. Das ist fachlich unstrittig. Zudem zeigen die Zahlen des Wolfszentrums Hessen 2023: 45 bestätigte Übergriffe, 2024: 6 Übergriffe und 2025: 11 Übergriffe.
Die Landesregierung schafft ein rechtlich wackeliges Instrument, das dem europäischen Schutzstatus des Wolfs widerspricht und riskiert nicht nur juristische Auseinandersetzungen, sondern auch den Verlust der Kontrolle über den Bestand.
Durch Abschussquoten auf Basis von Schätzungen, das Ignorieren von Risikofaktoren wie Verkehr und Krankheiten sowie fehlende Einzelfallprüfungen.
Die Zahlen des Wolfszentrums Hessen zeigen deutlich: Übergriffe von Wölfen auf Weidetiere sind niedrig, da genutzte Möglichkeiten des Herdenschutz wirken. Doch anstatt weiterhin diese funktionierenden Strukturen zu stärken, setzt der Managementplan auf eine Symbolpolitik, die mehr Konflikte erzeugt als sie löst.
Der Wolf ist kein politisches Problem! Wer ihn managen will, braucht Daten, klare Verfahren und einen verlässlichen Herdenschutz. Der vorgelegte Plan bietet davon zu wenig. Er ist ein Versprechen auf schnelle Lösungen, das sich in der Praxis kaum einlösen lässt.
Quelle: Brigitta Möllermann